Unternehmensnachfolge

Unternehmensnachfolge

Neugründung oder Nachfolge ?

Ob man ein Unternehmen neu gründet oder sich durch eine Übernahme in die Unternehmerschaft wagt, hängt von vielen Fragen ab, die man besser im Vorfeld beantwortet haben sollte.  Es ist keineswegs leichter, ein bereits bestehendes Unternehmen zu übernehmen, als ein neues zu gründen. 
Bei der Übernahme, muss der Existenzgründer auf den bestehenden Vorgaben aufbauen. Von Anfang an muss er sein Können auf allen Schauplätzen eines bereits gewachsenen Betriebes gleichzeitig unter Beweis stellen. Mittelständische Unternehmen sind in vielen Fällen sehr stark durch die Persönlichkeit des Übergebers geprägt, wodurch eine Übernahme zusätzlich erschwert ist. So haben sich langjährige Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten auf diese Persönlichkeit eingestellt. Der neue Chef muss dieses Vertrauen erst erarbeiten.  Die Übernahme eines bestehenden Unternehmens  bringt gegenüber einer Neugründung aber auch Vorteile mit sich:

  • Das Unternehmen ist auf dem Markt bereits etabliert
  • Beziehungen zu Kunden und Lieferanten sind aufgebaut
  • Die Dienstleistung bzw. das Produkt des Unternehmens ist eingeführt
  • Die Mitarbeiter sind ein eingespieltes Team
  • Der Nachfolger kann auf die Erfahrungen des Vorgängers aufbauen

Die Vorteile kommen aber nur dann zum Tragen, wenn der Nachfolger die besonderen persönlichen, unternehmerischen und fachlichen Anforderungen an eine Unternehmensnachfolge erfüllt. Jeder Nachfolge-Kandidat sollte sich für die Unternehmerlaufbahn aus freien Stücken entscheiden und davon überzeugt sein, dass er der Richtige ist, um diese Aufgaben zu meistern. Nur so kann ein „Unternehmer in spe“ die Belastungen, die auf ihn zukommen werden, optimal verkraften. Keine Nachfolgerin und kein Nachfolger sollte diesen Weg allein aus Traditionsbewusstsein wählen oder weil die Familie es von ihm erwartet.
Allein die Tatsache, künftiger Erbe oder künftige Erbin eines Familienbetriebes zu sein, qualifiziert nicht automatisch zur Unternehmensnachfolge.

Wie findet man das richtige Unternehmen?

Um das passende Unternehmen für die Übernahme zu finden, könnte man sich an folgenden Fragen orientieren:

1. In welcher Branche suche ich ein Unternehmen?

Es sollte sich um eine Branche handeln, in der man sich auskennt und bereits Erfahrungen gesammelt hat. Prüfen sollte man auch, ob man die notwendigen Zulassungsvoraussetzungen hat, um einen Betrieb zu führen. Das könnte z.B. der Meisterbrief im Handwerk, eine bestandene Fachkundeprüfung im Überwachungsgewerbe oder auch eine spezielle Kammerzulassung für Freiberufler wie z.B. Ärzte oder Rechtsanwälte sein.

2. Wo soll der Standort für das Unternehmen sein?

Soll sich das Unternehmen in unmittelbarer Nähe des Gründers befinden oder ist der Gründer bereit seinen Wohnort zu verlagern. Das sollte vorher geklärt werden, um sich gezielt auf die Suche begeben zu können.

3. Wie viel darf das Unternehmen maximal kosten?

Um diese Frage beantworten zu können, müsste man sich bereits einen ungefähren Überblick über die Finanzierungsmöglichkeiten verschafft haben und wissen wie viel Eigenkapital und welche Sicherheiten man einbringen möchte. Die Frage welches Risiko man in Kauf nehmen möchte sollte ebenfalls durchdacht sein. 

4. Welche Größe soll das Unternehmen haben?

Wie viel das Unternehmen kosten darf hängt natürlich auch mit der Frage der Größe zusammen. Ein Unternehmen mit fünf bis zehn Mitarbeitern stellt naturgemäß geringere Anforderungen an einen Nachfolger als ein Unternehmen mit 50 oder mehr Mitarbeitern. Dabei sollten die eigenen Fähigkeiten realistisch eingeschätzt werden, denn Verantwortung trägt der Nachfolger nicht nur für sich und seine Familie, sondern auch für die künftigen Mitarbeiter.  

5. Wo findet man übernahmewürdige Unternehmen?

Dafür gibt es sog. Unternehmens- oder Nachfolgebörsen: Eine der bekanntesten und größten ist die „nexxt-change“ die unter www.nexxt.org erreichbar ist. Übernahme- und Übergabewillige sollten sich aber auch die Nachfolgebörsen der IHK´s und HWK´s näher anschauen!

Die Finanzierung einer Übernahme

Zu welchen Konditionen ein Betrieb übernommen werden kann, hängt nicht zuletzt auch von den finanziellen Möglichkeiten ab. Gibt es eine ungefähre Vorstellung darüber wie viel investiert werden soll? Wie viel Eigenkapital ist man in der Lage aufzubringen? Eine ausführliche Beratung hinsichtlich der Klärung dieser Fragen ist unabdingbar. Vor allem sollte man sich über die öffentlichen Förderprogramme, insbesondere bei der KfW Mittelstandsbank erkundigen. Diese können von Neugründern und Unternehmensnachfolgern gleichermaßen in Anspruch genommen werden.

Dass der Kapitalbedarf bei der Übernahme eines Unternehmens häufig unterschätzt wird und meist sogar höher eingestuft werden sollte, als bei Neugründungen zeigen die Zahlen der Unternehmenszusammenbrüche. Einer Studie der Mittelstandsforschung Bonn zufolge liegt der Investitionsbedarf bei Übernahmen ca. 60% höher als bei Neugründungen.

Häufige Gründe für den Mehrbedarf sind:

  • Notwendige Modernisierung der Technik
  • Überzogene Preisvorstellung des Verkäufers
  • Erbansprüche anderer Familiennachfolger als zusätzliche Kosten

Deshalb sollte zur Ermittlung der wirtschaftlichen Verhältnisse zwingend ein Finanzplan erstellt werden, der sämtliche Eigen- und Fremdkapitalmittel, z.B. Barmittel und Bankkredite sowie öffentliche Fördermittel, Kosten der privaten Lebensführung usw. enthält. Aus dem vollständigen Finanzplan kann ersehen werden, ob der Betrieb zu den geforderten Konditionen überhaupt übernommen werden kann und welche Übernahmemodalität die geeignetste ist. Für die Erstellung eines Finanzplanes muss zunächst ermittelt werden, welcher Kapitalbedarf kurz-, mittel- und langfristig erwartet wird.

Die Differenz von Kapitalbedarf und Eigenkapital ergibt den Betrag, den man durch Drittmittel finanzieren muss. Oftmals ist die Finanzierung der zentrale Aspekt einer Unternehmensnachfolge. Beachten sollte man, dass öffentliche Fördermittel des Bundes und der Länder grundsätzlich über die Hausbank beantragt werden müssen.

Reden und Handeln: Konflikte erkennen und klären

Es gibt kein „Erfolgsrezept“ für eine ideale Unternehmensübertragung. Jeder Fall bedarf einer individuellen Lösung. Ob Nachfolger und Alt-Inhaber eine gemeinsame Übergangsphase gestalten wollen oder lieber das Unternehmen von einem Tag auf den anderen übertragen ist eine von vielen wichtigen Fragen die geklärt werden wollen.

Eine Unternehmensübertragung bietet den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass der Nachfolger sich über einen gewissen Zeitraum in das Unternehmen einführen lassen kann, um sich die Erfahrungen des Alt-Inhabers zu Nutze zu machen. Dieser kennt den Markt und die Risiken, kann vor Kunden warnen und weiß wie man mit unzuverlässigen Lieferanten umgehen muss. Der Nachfolger hat in dieser Zeit die Möglichkeit das Unternehmen aus nächster Näher kenn zu lernen, ist mittendrin im Geschehen und kann eigene Erfahrungen sammeln, die dringend erforderlich sind, um das Unternehmen später in eigener Verantwortung steuern zu können.

In dieser Phase kann der angehende Nachfolger auch den Unternehmenswert besser einschätzen. Sind die Auftragsbücher tatsächlich so voll, wie vom Alt-Inhaber behauptet? Ist die Gewinnmarge wirklich so hoch? Gibt es ausreichend Puffer, um schwierige Zeiten zu überstehen? Wie sieht es um die Konkurrenz aus? Muss man immer wieder um jeden einzelnen Kunden kämpfen oder gibt es eine Stammkundschaft auf die man sich verlassen kann? Wie ist die Motivation unter der Belegschaft?

Jemand der vor der Übernahme ein Teil des Betriebs war, kann all diese Fragen natürlich besser beurteilen und so zu einer gesünderen Bewertung und dementsprechend besseren Verhandlungsposition gelangen.

Zielgruppenorientierte Aufarbeitung: İşte Bilgi-Team

Quelle für das Hauptthema: Unternehmensnachfolge – Die optimale Planung (BMWi, 2010) 


Experteninterview

 

Fragen zum Thema Unternehmensnachfolge:

1. Professor Wallau, Sie sind einer der wenigen Wissenschaftler, die sich mit Thema „Unternehmensnachfolge“ wissenschaftlich beschäftigen. Glauben Sie, dass das Thema unterschätzt wird?

Auf dem ersten Blick mag dies so sein. Zumal wenn man betrachtet, dass sich eine Vielzahl von Lehrstühlen und Institutionen mit dem Thema Existenzgründung beschäftigten, aber nur wenige mit dem Thema Unternehmensachfolge. Die Politik unterschätzt dieses Thema aber nicht. Dort ist bekannt, wie viele Arbeitsplätze von einer erfolgreichen Unternehmensnachfolge abhängig sind. 

2. Wie viele Unternehmen sind in den nächsten Jahren von einer Nachfolgeregelung betroffen und wie viele Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel?

In Deutschland sind derzeit rund 3,7 Millionen Unternehmen am Markt aktiv. Die Mehrheit, genauer gesagt 3,5 Millionen dieser 3,7 Millionen Unternehmen, sind eigentümer- oder familiengeführt. In diesen Familienunternehmen stellt sich die Nachfolgefrage in der Regel dann, wenn der Eigentümer aus der Führung alters- oder krankheitsbedingt ausscheidet oder stirbt. Aber nicht jedes Familienunternehmen verfügt über die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen familieninternen oder -externen Generationswechsel. Neuerdings zugängliche Datenquellen der Bundesbank erlauben eine sachgerechtere Eingrenzung sogenannter „übernahmewürdiger“ Familienunternehmen. Diese verfügen über einen hinreichenden Ertrag von rund 50.000 Euro p.a., der sie für einen Nachfolger wirtschaftlich attraktiv macht. Hierauf aufbauend schätzt das IfM Bonn, dass in etwa 110.000 Unternehmen mit rund 1,4 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im betrachteten Fünfjahreszeitraum 2010 bis 2014 die Übergabe des Unternehmens ansteht. Erwartet wird, dass rund die Hälfte der zur Nachfolge anstehenden Unternehmen eine familieninterne Nachfolge anstrebt. Bei den anderen Fällen erfolgt eine familienexterne Nachfolgelösung, z.B. durch den Verkauf des Unternehmens an einen oder mehrere leitende Mitarbeiter.

3. Was sind die Schwierigkeiten, die im Rahmen einer Unternehmensnachfolge immer wieder anzutreffen sind?

Das Hauptproblem ist, dass die derzeitigen Unternehmer und Unternehmerinnen sich sehr ungern mit diesem Thema auseinandersetzen und versuchen dieses Thema möglichst lange zu verdrängen. Somit kann der Nachfolgeprozess erst gar nicht beginnen, d.h. es fällt keine Entscheidung wer wann usw. das Unternehmen fortführen soll.

4. Stimmt es, dass Übernahmewillige mit Migrantenhintergrund auf Argwohn bei Alt-Eigentümern stoßen?

Hierzu liegen mir keine Erkenntnisse vor, hier muss die Wissenschaft derzeit passen. Sicherlich kann aber gesagt werden, dass es den Übergebern grundsätzlich sehr schwer fällt, „ihr Lebenswerk“ in fremde Hände – unabhängig von der Nationalität - zu geben.

5. Wie könnte man evtl. bestehende Ressentiments gegenüber potenziellen Nachfolgern mit Migrationshintergrund auf Verkäuferseite abbauen?

Wenn diese überhaupt bestehen, ist es eine sehr gute Möglichkeit über die Industrie- und Handelskammer bzw. Handwerkskammer vor Ort im Rahmen von Veranstaltung über Best-Practice Beispiele, d.h. gelungene externe Nachfolgen, zu berichten. Ich selbst durfte an einer Veranstaltung der SIHK Hagen teilnehmen und war begeistert von den Nachfolgern. Ich habe diese Beispiele direkt in meine Vorlesung eingebaut. Den Unternehmern, die eine Nachfolge suchen, kann ich nur empfehlen, offener und weiter zu suchen. Damit ist nicht nur gemeint überregional, sondern auch innerhalb der Firma, falls eine externe Nachfolgelösung angestrebt wird.

6. Wie hoch ist der Anteil von Migranten bei Übernahmen?

Auch hier kann die Wissenschaft derzeit leider keine präzise Antwort geben. Wir wissen weder, wie viele der oben angesprochenen 110.000 Übergeber, noch, wie viele Übernehmer einen Migrationshintergrund haben. Um Ihnen doch eine erste, grobe Einschätzung zu geben: Unter den Existenzgründern in Deutschland beträgt der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund rund 40 %. Im Bereich Unternehmensnachfolge dürfte dieser Anteil deutlich niedriger sein. 

7. Wann sollte man sich um die Nachfolge kümmern?

Optimal wäre sicherlich zwischen dem 55 und 60. Lebensjahr. 

8. Wie viel Zeit nimmt eine Übernahme bzw. Übergabe durchschnittlich in Anspruch?

Grundsätzlich ist jede Unternehmensnachfolge ein Einzelfall. I.d.R. dauert eine familieninterne Nachfolge bis zu fünf Jahre, da oftmals auch eine gemeinsame Einarbeitungszeit erfolgt. Die erfolgreiche Suche nach einer externen Nachfolge dauert i.d.R. zwischen 6 Monaten und zwei Jahre.

9. Stimmt es, dass viele der Unternehmenseigentümer den Preis für das Unternehmen zu hoch ansetzen und sollte es so sein, was glauben Sie woher diese Überschätzung herrührt?

Insbesondere bei der familienexternen Nachfolge ist neben dem Finden eines Nachfolgers, die Einigung auf einen Kaufpreis ein großes Problem. Aus einer meiner Untersuchungen weiß ich, dass die untersuchten rund 150 Unternehmen im Durchschnitt einen Verkaufspreis von ca. 750.000 Euro anstrebten. Der tatsächliche Verkaufspreis lag mit ca. 470.000 Euro aber deutlich darunter. Etwa 39 Prozent dieser Unternehmer mussten ihre Preisvorstellung sogar um mehr als 50 Prozent senken, damit der Kauf und die Nachfolge zustande kommen konnten. 

10. Gibt es Kennzahlen an denen man den Wert eines Unternehmens vor einer Übernahme besser einschätzen kann?

Es gibt keinen objektiven Unternehmenswert. In jedem der gängigen Unternehmensbewertungsverfahren sind subjektive Aspekte zu berücksichtigen, so dass es fast normal ist, dass Verkäufer und Käufer unterschiedliche Kaufpreisvorstellungen haben. Trotzdem können diese Verfahren eine solide Grundlage für die Verhandlungen bieten. Abschließend möchte ich sagen, dass die Unternehmensnachfolge eine der größten Managementaufgaben des Unternehmers ist und bleibt.

Prof. Dr. Frank Wallau ist Dozent an der Fachhochschule der Wirtschaft Paderborn/Bielefeld

 

 

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